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Sicherheit bei Investitionsentscheidungen

Sicherheit bei Investitionsentscheidungen

Sicherheit = Investition

Sicherheit ist weder umsonst (im Sinne von zwecklos) noch kostenlos. „Sicherheit“ stellt das subjektive Gefühl der Abwesenheit von Gefahren oder Beeinträchtigungen dar. Je nach Ausmaß des Sicherheitsbedürfnisses ist dieses subjektive Gefühl stärker oder geringer ausgeprägt. Wenn jemand das Gefühl hat, sicher zu sein, dann stellt dies für ihn einen positiven Wert dar und ist daher nicht umsonst, sondern angenehm, beruhigend und wertvoll. Auf der anderen Seite ist Sicherheit nicht naturgegeben, sondern muss durch spezifische Maßnahmen erlangt werden. Solche Maßnahmen erfordern entsprechende Aktivitäten Diese verbrauchen Zeit, Phantasie, Kreativität und damit Geld, sind also nicht kostenlos zu haben.
Die Erlangung oder Steigerung von Sicherheit weist damit alle Merkmale einer Investition auf: sie erfordert heute einen Einsatz - vielfach verbunden mit Geldausgaben - und erbringt für die nähere oder auch weitere Zukunft das angenehme Gefühl der Gefährdungsfreiheit. Damit wird Sicherheit zu einem ökonomisch bedeutsamen Kalkül: je höher der Sicherheitsanspruch ist, umso mehr Investitionen sind erforderlich, diesem Anspruch zu genügen.
Dabei kann Sicherheit auf unterschiedliche Weise herbeigeführt werden:
Zum einen können Maßnahmen ergriffen werden, um denkbare oder mögliche Gefährdungen gar nicht erst entstehen zu lassen – z.B. Schutzkleidung bei gefährlichen Arbeiten. Die berufsgenossenschaftlich organisierten Schutzvorschriften und deren materielle Ausgestaltungen können hier als Beispiel herangezogen werden.
Zum anderen kann man versuchen, sich vor den negativen Folgen des Eintritts von Gefährdungen zu schützen. Hier sind Versicherungen (!), Haftungsregelungen oder Schadenersatzvorschriften beispielgebend.
Sowohl die Absicherung gegen die Folgen eines Gefährdungseintritts als auch die vorbeugenden Maßnahmen zur Gefährdungsvermeidung sind in aller Regel mit Ausgaben verbunden - Versicherungsprämien auf der einen Seite stehen technische, organisatorische, juristische, materielle und immaterielle Maßnahmen auf der anderen Seite gegenüber. Auch wenn der Satz aus der Medizin gilt, Prophylaxe sei billiger – und meistens auch preiswerter – als Therapie: Tatsache ist, dass Sicherheit heute Geld kostet, um später geschützt zu sein. Es gibt wohl niemanden, der diesen Zusammenhang nicht kennt oder nicht anerkennt.
Es stellt sich jedoch dann die Frage, wie viel Sicherheit und wie viel Aufwand hierfür in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Mit einem Beispiel: Würde man den Autoverkehr verbieten, müsste man auch keine Verkehrstoten beklagen. Dennoch würde niemand ernsthaft verlangen wollen, alle Autos abzuschaffen. Stattdessen werden die unterschiedlichsten Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, von denen einige mit unmittelbaren Ausgaben verbunden sind: Sicherheitsgurte und Airbags, Antiblockiersysteme und Bremsassistenten, elektronische Antriebsregelungen . Andere wirken sozusagen kostenlos: Anschnallpflicht, Telefonierverbot beim Fahren. Erst bei Eintritt des Gefährdungsfalls können aus diesen hohe Ausgaben oder andere ökonomisch wirksame Konsequenzen wie Fahrverbote resultieren. Das Sicherheitskalkül ist ausgesprochen schwierig, man denke etwa an Schadensversicherungen: Tritt kein Schaden ein, erweisen sich die Prämien als verlorene Zahlungen, tritt der Schaden ein, erweisen sie sich als hochertragreiche Investition.
Vielfach sind die Sicherheitsprophylaxen weit überdimensioniert. Dies ist häufig dann zu beobachten, wenn Sicherheitsexperten Empfehlungen aussprechen oder gar Vorgaben machen, deren finanzielle Konsequenzen sie selbst nicht zu tragen haben. Vor allem im technisch-materiellen Bereich ist dies zu beobachten, wenn beispielsweise Feuerschutzmaßnahmen für Extremfälle gefordert werden, deren Eintrittswahrscheinlichkeit im untersten einstelligen Bereich anzusiedeln sind. Da aber mit Hinweis auf die Sicherheit persönliche Haftungen assoziiert werden, die im Schadensfall sogar zu Haftstrafen führen könnten, mag niemand - wiederum aus dem Gesichtspunkt der individuellen Sicherheit - das noch so geringe Restrisiko übernehmen und stimmt der absolut überdimensionierten Investition in Sicherheit zu, selbst wenn sie nach menschlichem Ermessen als total unsinnig einzuschätzen ist.
Es wird langsam Zeit, dass auch Sicherheit als sensibles ökonomisches Gut betrachtet wird, mit dem man nicht in fahrlässiger Nonchalance umgehen darf, sondern das unter ökonomischen Aspekten beurteilt werden muss, um einen akzeptablen Ausgleich zwischen Sicherheitsrelevanz und Investitionsbudget herbeizuführen.
Sicherheit als subjektive Bewertung erfordert das Abwägen zwischen der Höhe der Investition und der anscheinend beruhigenden Gewissheit des Nichteintritts von Gefährdungen oder deren Konsequenzen.
Universitäts-Professor Dr. Winfried Hamel

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